Glaube
1917 fiel Dr. Reinach, ein Weggefährte und enger Vertrauter während ihres Studiums, im ersten Weltkrieg. Seine Ehefrau, ebenfalls gut mit Edith Stein befreundet, bat diese, den Nachlass ihres Mannes durchzusehen. Als die Wissenschaftlerin auf ihre Freundin traf, war sie sehr überrascht, denn „[s]ie fand keine gebrochene, verzweifelte Witwe vor, sondern eine Frau, die sich am Kreuz Kraft holte, ihre abgrundtiefen Schmerzen zu tragen.“1. Für Edith war dies die erste Begegnung mit dem christlichen Glauben: „Es war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt. Ich sah zum ersten Mal die, die aus dem Erlöserleiden Christi geborene Kirche, in ihrem Sieg über den Stachel des Todes, handgreiflich, vor mir. Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach, das Judentum verblasste und Christus aufstrahlte: Christus im Geheimnis des Kreuzes“2.
Edith hatte zwar schon früher Bücher zum christlichen Glauben gelesen, jedoch nur zu Studienzwecken. Aber nach dieser Begegnung mit ihrer Freundin, begann sie sich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Edith Stein erzählte von einem Erlebnis in der katholischen Kirche in Frankfurt: „Wir traten für einige Minuten in den Dom und während wir in ehrfürchtigem Schweigen dort verweilten, kam eine Frau mit ihrem Marktkorb herein und kniete zum kurzen Gebet in einer Bank nieder. Das war für mich etwas ganz Neues. In die Synagoge und die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus den Werktagsgeschäften in die menschenleere Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen können.“3
Als Edith Stein eine Freundin in Bergzabern besuchte, las sie durch Zufall die Biographie der Teresia von Avila, die eine geistliche Schriftstellerin und Gründerin des unbeschuhten Karmeliten Orden ist. Dieses Werk hat sie so begeistert, dass sie danach beschloss: Dieses Buch ist die Wahrheit und diesen Weg möchte sie gehen.
Am 1. Januar 1922 ließ Edith Stein sich in der Pfarrkirche St. Martin in Bergzabern taufen. Einen Monat später, am 2. Februar 1922, empfing sie die Firmung, in der Hauskapelle des Speyrer Erzbischof Ludwig Sebastian. Ab diesem Zeitpunkt wollte sie im Kloster leben und ihren Dienst für Gott ausüben. Aus Rücksicht gegenüber ihrer Mutter traute sie sich noch nicht diesen Schritt zu gehen.
Von dem Jesuiten Erich Przywara wurde sie gebeten, die „Quaestiones disputatae de veritate“ von Thomas von Aquin zu übersetzten. Dabei lernte sie, „dass man als Christ nicht in einem Rückzug aus der Welt leben darf, sondern das, was man von Gott erfahren hat, in alle Lebenszüge umsetzen muss.“3
Nachdem Edith 1933 ihren Posten als Dozentin in Münster, aufgrund der Rassengesetze, ablegen musste, beschloss sie schließlich doch ins Kloster einzutreten. Am 14. Oktober war es dann endlich soweit. Sie trat in den Kölner Karmel ein. Zuerst war sie Postulantin, die um die Aufnahme in den Orden bat. In dieser Zeit stand sie unter Beobachtung der anderen Ordensschwestern. Schließlich wurde sie am 15. April 1934 in einer Messfeier eingekleidet, zu der zahlreiche Freunde von ihr erschienen waren. Edith Stein hieß nun, als Novizin, Teresia Benedicta a Cruce.
Zeugen ihres Lebens berichteten, dass Edith eine Wandlung durchgemacht hatte. Während sie in Speyer noch die strenge Lehrerin war, so war sie im Kloster zu einem mütterlichen Menschen geworden.
Am Ostersonntag 1935 legte sie ihre erste Profess ab, fühlte sich aber weiterhin mit dem jüdischen Volk verbunden, weshalb sie sagte: „Man wird mich sicher noch rausholen.“4
Im Karmel lebte Edith ein eher zurückgezogenes Leben. Durch Briefe hielt sie mit alten Freunden und Bekannten weiterhin Kontakt. Selbst ihrer Mutter schrieb sie. Allerdings blieben ihre Briefe unbeantwortet. Die Mutter hatte es nie verkraftet, dass ihre Lieblingstochter, die am Versöhnungsfest Yom Kippur geboren war, sie für das Christentum verlassen hatte.
1938 verließ sie mit ihrer Schwester den Karmel, um den Nationalsozialisten keinen Vorwand zu geben, das Kloster zu schließen. Sie floh mit ihrer Schwester, die nach dem Tod der Mutter ins Karmel eingetreten war, nach Echt in Holland. 1940 überrannten deutsche Truppen die niederländische Grenze und 1942 wurde Edith und ihre Schwester Rosa von der Gestapo verhaftet.
In Vorahnung ihres Schicksals schrieb sie 1939 ihr Testament, welches sie mit den folgenden Worten abschloss:
„Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herren, dass er mein Leben und mein Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung.“5
Heiligsprechung:
Edith Stein ist heute ein großes Vorbild für die Karmelitinnen-Schwestern, da sie als konvertierte Christin den Märtyrertod gestorben ist. Das ist auch ein Grund, weshalb sie schlussendlich 1998 heiliggesprochen wurde. Vor der Heiligsprechung lag aber eine jahrelange Prüfung, „ob die Karmelitin Glaube, Hoffnung und Liebe, dazu die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß über das normale Maß hinaus gelebt habe.“. Es dauerte insgesamt zehn Jahre bis der Vatikan nach der Überprüfung der gesammelten Schriften zum Entschluss kam, dass Edith Stein sowohl das Kriterium der Märtyrerin als auch das der heroischen Tugenden erfüllt. 1987 ordnete Papst Johannes Paul II. die Seligsprechung an, die am 1. Mai 1987 durch ihn selbst in Köln vollzogen wurde.
Für die Heiligsprechung durch die Kirche bedarf es einen Nachweis für ein Wunder durch die Fürsprache des "Kandidaten". Bei Edith Stein trat dieses Wunder in den USA auf, wo ein vergiftetes Mädchen durch die Gebete ihrer Familie zur seligen Edith wieder gesund wurde.
Eine amerikanische Ärztekommission untersuchte diesen Fall und kam zum Entschluss, dass die Heilung nicht durch ärztliches Können erreicht worden ist. Nun stand der Heiligsprechung Edith Steins nichts mehr im Weg. Am 11.Oktober 1998 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.
1. Waltraud Herbstrith: „Edith Stein. Ein neues Lebensbild Zeugnissen und Selbstzeugnissen“, Herderbücherei, Freiburg i. Br., 1983, S.18
2. ebd S.9
3. Waltraud Herbstrith: „Edith Stein. Ein neues Lebensbild Zeugnissen und Selbstzeugnissen“, Herderbücherei, Freiburg i. Br., 1983, S.31
4. Friedrich Kardinal Wetter: „Edith Stein- Zur Wahrheit berufen“, Pressereferat der Edzdiözese München und Freising, München, 1984, S. 22
5. Waltraud Herbstrith: „Edith Stein. Ein neues Lebensbild Zeugnissen und Selbstzeugnissen“, Herderbücherei, Freiburg i. Br., 1983, S. 58