Edith Stein
Edith Stein wurde am 12. Oktober 1891, am Versöhnungsfest Yom Kippur, dem religiösen Höhepunkt des Jahres, in der jüdischen Tradition geboren. Sie war das jüngste von elf Kindern einer jüdischen Holzhändlerfamilie, wobei vier ihrer Geschwister noch vor ihrer Geburt gestorben waren. Als sie drei Jahre alt war, verlor sie ihren Vater Siegfried Stein. Ihre Mutter übernahm daraufhin das Geschäft, um ihren Kindern eine solide Schulbildung zu ermöglichen.
Edith ging bis zum 13. Lebensjahr mit großer Begeisterung in die Schule. Dann verlor sie die Freude am Lernen und ging auch nicht mehr in die Synagoge. Schließlich bezeichnete sie sich als Atheistin. Ihre Mutter beschloss daraufhin, Edith zu einer Tante nach Hamburg zu schicken, wo sie die Begeisterung für die Schule wiederentdecken sollte. Nach ihrer Rückkehr nach Breslau absolvierte sie 1911 ihr Abitur mit Bestnoten und studierte später Philosophie, Psychologie, Germanistik und Geschichte auf Lehramt. Ihr Studium begann sie in Breslau, welches sie dann in Göttingen und später hier in Freiburg fortsetzte.
Während des ersten Weltkrieges engagierte sie sich freiwillig beim Roten Kreuz im Seuchenlazarett in Mährisch-Weisskirchen. 1916 ging sie mit dem Philosophen und Phänomenologen Husserl, den sie bereits während ihres Studiums in Göttingen kennengelernt hatte, als dessen Assistentin nach Freiburg. Sie promovierte bei ihm zum Thema „Zum Problem der Einfühlung“.
Zwei Jahre später verließ sie Husserl, um in ihrer Heimatstadt Breslau als selbstständige Wissenschaftlerin zu arbeiten. Während dieser Zeit versuchte sie viermal vergeblich, an unterschiedlichen deutschen Universitäten zu habilitieren. Dieser akademische Weg blieb ihr jedoch als Frau zur Zeit des Nationalsozialismus verwehrt. Dennoch überarbeitete sie ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Endliches und Ewiges sein“, die wie auch weitere Schriften von ihr erst nach Kriegsende 1945 veröffentlicht werden konnten.
Als einschneidend erlebte sie, als ein Freund von ihr starb. Sie war von dem Trost, den dessen Witwe im Glauben fand, so überwältigt, dass sie die Autobiographie von Teresa von Avila durchlas. Dabei stellte sie fest, dass Teresa von Avilas Ansicht vom Glauben ihren eigenen Vorstellungen entsprach und ließ sich am 1. Januar 1922 mit 31 Jahren zum Entsetzen ihrer jüdisch-orthodoxen Mutter taufen. Einen Tag später empfing sie das erste Mal die heilige Kommunion und nur einen Monat später ließ sie sich firmen. Bis 1931 war sie als Lehrerin für Geschichte und Deutsch an einer Augustinerinnen-Schule in Speyer tätig. Im Anschluss arbeitete sie an der Universität Münster als Dozentin für wissenschaftliche Pädagogik, bis sie von den Nationalsozialisten gezwungen wurde, ihren Job aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aufzugeben.
Noch im selben Jahr erfüllte sich die Wissenschaftlerin ihren größten Wunsch. Sie trat, wie die heilige Teresa, in den Karmeliten Orden ein. Am 14. Oktober 1933 trat sie dann schließlich in Köln dem Karmel bei und erhielt bei ihrer Einkleidung am 15. April 1934 den Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce. Im Kloster war ihre Aufgabe weiterhin die wissenschaftliche und geistige Arbeit.
Nachdem sie die Reichspogromnacht 1938 miterlebt hatte, floh sie mit ihrer Schwester Rosa, die seit dem Tod der Mutter auch im Karmel lebte, nach Echt in Holland. Dort fielen sie den Nazis aufgrund eines Racheaktes in die Hände und wurden am 2. August 1942 von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz verschleppt. Bei der Verhaftung ermutigte Teresia Benedicta a Cruce ihre Schwester mit den Worten: „Komm, wir gehen für unser Volk!“1. In den Tagen ihrer Deportation versuchte sie die vor Verzweiflung erstarrten Mütter und Frauen zu trösten und kümmerte sich um die verwahrlosten Kinder. Direkt nach ihrer Ankunft am 9. August 1942 in Auschwitz wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester in der Gaskammer ermordet.
Am 1. Mai 1987 sprach Papst Johannes Paul II. Edith Stein in Köln selig. Am 11. Oktober 1998 wurde sie in Rom heiliggesprochen. Ein Jahr später wurde sie gemeinsam mit Brigitta von Schweden und Katharina von Siena zu Patroninnen von Europa ernannt.
1 Friedrich Kardinal Wetter: „Edith Stein- Zur Wahrheit berufen“, Pressereferat der Edzdiözese München und Freising, München, 1984, S.26